Le Colline del Prosecco di Conegliano e Valdobbiadene

 

Der Bildband wurde gemeinsam mit dem Marsilio Arte realisiert.

 

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Auszug aus dem Buch:

 

Geometrien der Langsamkeit

 

von Werner Siefer
Chefredakteur von «National Geographic Deutschland», München 2025

 

Es gibt Landschaften, die erzählen. Sie berichten von Geduld, vom Rhythmus der Jahreszeiten, von Menschen, die das Land nicht beherrschen, sondern kuratieren. Das Prosecco-Gebiet zwischen Conegliano und Valdobbiadene ist solch eine Landschaft: geprägt von der Hand des Menschen, in einer Seele ruhend. Es ist eine Landschaft, die atmet – und die, dank der Fotografien von Georg Tappeiner, nicht nur gesehen, sondern gespürt werden kann. „Ich fühle das“, sagt mein zwölfjähriger Sohn, wenn er eins wird mit der Welt um ihn herum. Ich fühle dieses Gebiet. Es ist warm und steckt voller Lust ein Teil zu werden.

Landschaft, die atmet

Morgens, wenn der Nebel wie ein Schleier in den Senken liegt, erwacht das Land in zurückhaltender Pracht. In den Fotografien Tappeiners wird dieser Moment zur zeitlosen Szene: ein Spiel aus Licht und Dunst, das mehr erzählt als Worte vermögen. Seine Aufnahmen sind keine bloßen Abbildungen – sie sind stille Gedichte aus Licht.

stille Gedichte aus Licht

Die Reise durch dieses Gebiet beginnt oft in Conegliano, wo Tradition und Bildung zusammenfinden. Hier steht die älteste Weinschule Italiens – Symbol für das, was dieses Gebiet ausmacht: Wissen, das nicht aus Eile, sondern aus Erfahrung wächst. Weiter westlich, entlang der Strada del Prosecco, breitet sich das Herz des Weltkulturerbes aus. In Tappeiners Bildern wirken die Terrassen wie Wellen – angelegt von Menschenhand, getragen von der Erde, gehalten von Trockenmauern, die in der Abendsonne wie Runen leuchten. Es sind Zeugnisse von Fleiß und Fürsorge. Man sieht sie auf seinen großformatigen Fotografien fast atmen – die ciglioni, sorgfältig in den Hang gelegt, manchmal kaum einsehbar aus der Ferne, aber von enormer Bedeutung für die Struktur dieser Kulturlandschaft.

Auf dem Flug über das Gebiet ist zu erkennen, wie dicht das Menschliche mit der Landschaft verwoben ist. Kleine Höfe, liebevoll gepflegt, eingebettet in das Weinland. Traktorspuren, schmale Pfade, Rebenstützen aus Holz – alles zeugt von Handarbeit, von einer Landwirtschaft, die nicht auf Ausbeutung, sondern auf Maß und Geduld gründet.

Inmitten der Reben stehen kleine Unterstände, oft aus Stein, manchmal über Jahrzehnte verwittert – sie erzählen von Generationen, die in diesem Land ihre Wurzeln geschlagen haben. Hier und da entdeckt man aus der Luft kleine Kapellen, oft auf Hügelkuppen erbaut – ein
stilles Kreuz, ein Glockenturm, ein Mauerring. Diese Orte sind Zeichen eines sorgenden Geistes, der eng mit dem Jahreskreis verbunden ist – mit Anbau, Pflege und Ernte. Das Flugzeug, das die Landschaft überfliegt, fängt ein, was der Spaziergänger oft übersieht: das dichte Netz symbolischer Orte, das wie ein zweites, übersinnliches Gewebe ist.

ein zweites, übersinnliches Gewebe

Die Hügelkette, die heute das Bild des Prosecco Superiore prägt, entstand vor rund 30 bis 50 Millionen Jahren im Eozän und Oligozän, als sich die afrikanische und eurasische Platte aufeinander zu bewegten. In diesem langen Prozess wurde der Meeresboden der Ur-Adria aufgefaltet und an die Oberfläche gedrückt – das Resultat: eine elegant kuppige, lebendige, üppig grün wuchernde Hügellandschaft an der warmen Südseite der Alpen, geformt aus marinen Sedimenten.

Diese urzeitlichen Meere hinterließen mächtige Ablagerungen von Kalkgestein, das von Korallen, Muscheln und anderen Meereslebewesen stammt. Mergel, eine Mischung aus Ton und Kalk, der feinkörniger ist und Wasser besser hält, und gelegentlich auch Sandstein-Bänder, dessen Ausgangsmaterial durch Flussdeltas in das urzeitliche Meer
eingetragen wurden.

Gerade die vielfältige Bodenstruktur macht das Gebiet für den Weinbau so einzigartig. Schon wenige Meter weiter kann der Untergrund wechseln – von trockenem, steinigem Kalkboden zu feuchtem, tonigem Mergel. Diese geologische Vielfalt schafft ein Mosaik von Mikroklimata
und Lagen, das den Prosecco Superiore seinen feinen, differenzierten Charakter verleiht.

Boden, „der spricht“

Die Winzer sprechen von einem Boden, „der spricht“ – und jeder Hang hat so gesehen eine andere Stimme. Manche Reben stehen auf trockenem Grund, der die Wurzeln zwingt, tief zu suchen. Andere ruhen auf weicheren, saugfähigeren Lagen, die fruchtbetonte Weine begünstigen. Auch die letzten Eiszeiten formten das heutige Landschaftsbild entscheidend mit. Zwar reichten die Gletscher der Alpen nicht bis ins heutige DOCG-Gebiet, doch ihre Schmelzwasser trugen große Mengen an Kies und Lehm heran. Diese Sedimente lagerten sich ab und ergänzten die ältere, kalkige Struktur durch nährstoffreichere Deckschichten, besonders im westlichen Teil um Valdobbiadene.

Diese glazialen Einflüsse sorgen bis heute für abwechslungsreiche Bodenschichten, die je nach Höhe, Ausrichtung und Erosionsgrad sehr unterschiedlich ausgeprägt sind. Die Geologie der Region ist nicht nur ein Segen – sie fordert auch. Viele Lagen sind so steil und zerklüftet, dass mechanische Bearbeitung kaum möglich ist. Der Mensch muss dort anpacken, wo die Geologie ihm keine oder nur wenig Einsatz von Maschinen zugesteht. So entstand die berühmte Terrassierung: ein steiniger, aber nachhaltiger Kompromiss zwischen Landschaft und
Landwirtschaft – verwandt mit zahlreichen Terrassenanlagen etwa in Asien oder in Südamerika.

Tappeiners Werk macht sichtbar, was sonst verborgen bliebe: Die Linien der Bearbeitung im Frühjahr, das matte Glühen reifer Trauben im Herbstlicht, das Spiel von Schatten auf einer alten Bruchsteinmauer.

Es ist keine überhöhte Schönheit, sondern eine ehrliche.

Und gerade deshalb so eindrücklich. Seine Bilder sprechen von einer Kultur, die tief mit der Landschaft verwurzelt ist. Man spürt: Hier arbeitet der Mensch im Verbund mit der Natur.

Seine Fotografien führen uns zu kleinen Kapellen, versteckt zwischen Reben, zu einem Gehöft, das aus der Zeit gefallen scheint, zu einer Zisterne, auf deren Oberfläche sich der Himmel spiegelt.

Sie zeigen nicht nur Orte, sondern Haltungen.

Sie erinnern an das, was wir oft zu schnell vergessen: dass Schönheit nicht im Glanz liegt, sondern in der Stille, die für sich bleiben darf.

Die UNESCO hat das Prosecco-Gebiet nicht ohne Grund zum Weltkulturerbe erklärt. Diese Auszeichnung ehrt nicht nur die Landschaft selbst, sondern auch jene, die sie gestalten und erhalten. Es ist ein Modell dafür, wie der Mensch mit Bedacht wirken kann, ohne zu zerstören.
In einer Zeit, in der vieles schneller, lauter und künstlicher wird, steht dieses Gebiet für das Gegenteil: für Maß, Mäßigung, Milde.

Wer aufmerksam durch das Land reist, erkennt bald: Die Schönheit der Prosecco-Hügel von Conegliano und Valdobbiadene offenbart sich nicht auf den ersten Blick. Sie lebt in Nuancen, im leisen Zusammenspiel von Formen und Farben, im Wandel des Lichts. Besonders im späten Herbst, wenn sich Nebel in die Täler legt und die letzten Blätter golden schimmern, verwandelt sich die Landschaft in ein stilles Gemälde.

In einem anderen Bild stehen zwei uralte Zypressen wie stille Zeugen an einem Hang. Zwischen ihnen ein Feld, leer, auf den ersten Blick unscheinbar. Und doch – in der Komposition, im Spiel von Licht und Raum – liegt eine Geschichte verborgen: vom Kommen und Gehen, vom Wandel und vom Warten. Es sind diese stillen Botschaften, die Tappeiner meisterhaft herausarbeitet.

Seine Arbeiten erzählen nicht in grellen Farben, sondern in Zwischentönen.

Die Bilder widmen sich auch den Jahreszeiten. Frühling mit seinen zarten Trieben und leichtem Dunst, Sommer mit sattgrünen Hängen und flimmerndem Licht, Herbst in tiefem Gold und ruhiger Fülle – und schließlich der Winter: kahl, fast grafisch, aber nie leblos. In diesen Aufnahmen verdichtet sich, was das Prosecco-Gebiet im Innersten ausmacht: ein Jahreskreis, in dem der Mensch eingebunden bleibt, eingebettet in größere Zusammenhänge.

Es ist eine Sammlung stiller Hommagen – an die Landschaft, an die Menschen, an die Zeit selbst.

Wenn man das Buch zur Hand nimmt und durch die Bilder wandert, erkennt man: Es ist eine Sammlung stiller Hommagen – an die Landschaft, an die Menschen, an die Zeit selbst. Nichts ist auf Effekt gebürstet, nichts laut. Und doch bleibt jedes Bild haften, wie eine Erinnerung, die nicht vergeht.

Am Ende dieser Reise, beim Blick auf das letzte Bild – vielleicht ein Hügel bei Sonnenuntergang, vielleicht nur ein leerer Weg zwischen zwei Mauern – stellt sich ein Gefühl ein, das schwer zu fassen ist: Dankbarkeit. Dafür, dass es solche Orte noch gibt. Dafür, dass jemand sie mit solcher Achtung festhält. Und dafür, dass wir eingeladen sind, sie zu sehen – langsamer, tiefer, ehrlicher. Aber am Ende auch dafür, dass wir sie schmecken dürfen.

Dieses Buch ist ein Plädoyer für die stille Wahrnehmung.

Es fordert nichts – aber es schenkt viel. Wer sich darauf einlässt, wird den Prosecco Superiore künftig nicht nur als Getränk schätzen, sondern als Ausdruck einer jahrhundertealten Landschaft, die lebt, weil der Mensch in ihr wirkt, ihr Bild gestaltet, sich ein Bild von ihr macht. Ich fühle es.

 

lg md sm xs